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Welt Kompakt 20.05.10

Mai 24th, 2010

http://www.welt.de/die-welt/vermischtes/article7709729/Recht-und-Ordnung-in-Berlin.html

Recht und Ordnung in Berlin

Von Nina Paulsen 20. Mai 2010, 04:00 Uhr

Abgedreht, skurril, nur im Internet – Ab morgen ermitteln die “KreuzKöllnKops”

Schwarzes Kleid, rote Lippen, ein tiefes Dekolletee – Lady Lack, das kann man sagen, ist das Klischee einer Femme Fatale. Verführerisch? Sicher. Und dabei berechnend und so zielstrebig, dass sie über Leichen geht.

Berlin Kreuzkölln, ein sonniger Nachmittag. Auftritt der Lady. Mit einem langen Messer in der Hand und einem eiskalten Blick in den Augen hat sie eine junge Passantin, nun ja, abgemurkst. Der Grund ist simpel: Ihr roter Nagellack ist leer. Sie braucht dringend neuen und hält das kleine Fläschchen unter die blutende Wunde ihres Opfers. Klingt absurd? Ist es auch.

So oder so ähnlich, in jedem Fall aber mit einem grotesken bis aberwitzigen Verbrechen beginnt jede Folge der neuen zehnteiligen Internetserie “KreuzKöllnKops”. Auch wenn es so klingen mag: Brutal ist die Handlung nicht. Im Gegenteil: Sie ist trashig, überdreht, bizarr und zeitweise auch etwas befremdlich. Im Zentrum steht das Ermittlerduo, Sheriff David Held und Kommissar Helma H. Hunsen. Mit ihrem sprechenden Auto “Autopferd” tun sie ihr Bestes, um die Verbrechen in ihrem Kiez aufzuklären – leider immer vergeblich.

Held und Hunsen heißen eigentlich David Kramer (31) und Holger Bülow (30) und haben die Serie erdacht, konzipiert und gedreht. Eigentlich sind sie aber Schauspieler. “Wir wollten unbedingt auch mal was hinter der Kamera machen und eigene Ideen umsetzen”, sagt Kramer, der auch schon in der ZDF-Telenovela “Wege zum Glück” eine Hauptrolle spielte. “Dabei bietet das Internet eine unglaublich tolle Plattform. Man kann Dinge zeigen, die man vor zehn Jahren nicht an den Mann hätte bringen können.” Konkret heißt das: Völlige Unabhängigkeit von Sponsoren oder Filmförderung. Und deshalb völlige Freiheit bei der künstlerischen Umsetzung. Die “KreuzKöllnKops” sind eine No-Budget-Produktion, die Kramer und Bülow aus eigener Tasche und mit viel Herzblut bezahlt haben – und zwar ohne die Erwartung, jemals damit Geld zu verdienen. Das ganze Equipment: geliehen. Die Menschen vor und hinter der Kamera: rund 50 Freunde und Bekannte aus dem Film- und Schauspielbereich, die einfach aus Spaß bei der Produktion mitgemacht haben – genauso wie alle anderen Helfer. “Eine tolle Kiezsolidarität”, sagt Kramer dazu.

Es ist das gleiche Prinzip, das man seit Jahren von YouTube kennt und das millionenfach jeden Tag reproduziert wird: Kamera an, sein wie auch immer geartetes Talent zeigen, hochladen. Allermeistens ist das ziemlich unprofessionell – wird aber trotzdem ab und an zu einem Publikumsliebling, der in sechs- bis siebenstelliger Größenordnung geklickt wird. Professionell und allein für das Internet produzierte Serien sind in Deutschland jedoch eher selten. Vorreiter waren die “Candy Girls”, vier Mädchen aus dem Berliner Nachtleben, die 2008 via MySpace das Licht der Web-Öffentlichkeit erblickten.

Kramer und Bülow haben viel Arbeit in ihr Projekt gesteckt. Alle Folgen wurden im September 2009 auf alten Acht-Millimeter-Kameras gedreht und erst im Nachhinein digitalisiert. Nicht nur das, sondern auch die Outfits der Kommissare lassen ein 80er-Jahre-Feeling aufkommen, eine Mischung aus “Miami Vice”, “Knight Rider” und “Dallas” mitten in Berlin. Ab Freitag wird jede Woche eine neue Episode auf www.kreuzkkoellnkops.de zu sehen sein, aber auch auf YouTube und Facebook – kostenlos, und dabei mit viel Liebe zum Detail produziert. Die Protagonisten der einzelnen Folgen tragen so schöne Namen wie “Eierklatscherin”, “Dr. Mettmann” oder eben “Lady Lack”, die durch Jungschauspielerin Katharina Pütter (26) verkörpert wird. Nicht immer sind die Schurken so betörend wie im letzten Fall – aber schließlich funktionieren die “KreuzKöllnKops” auch nicht nach Hollywood-Schema. Keine Spezialeffekte, kaum Nachbearbeitung, ohne dramaturgische und technische Gesetzestreue. “Alles ist handgemacht”, sagt Kramer. Skurril, verrückt und ein kleines bisschen wahnsinnig.